Donnerstag, 8. Juli 2010

Entering the Matrix – c/r River mit Initiative als Bluff

Als ich mit Poker begonnen habe, erklärte mir ein erfahrener Pokerspieler, dass man mit der Zeit immer mehr Strukturen beim Pokern erkennt. Es beginnt mit dem einfachen „Ich bin vorne, ich raise.“ und wird dann immer subtiler von Equity über Rangeteilung bis zu Balancing und Exploit. Er sagte mir, dass man irgendwann von ganz alleine erkennt, wann welcher Move einfach sein muss und auf einmal bluff c/r man den River mit Initiative, einfach weil man weiß, dass es in der Situation das Richtige ist. Er sagte mir, dass man sich wie Neo fühlt, der plötzlich die Matrix erkennt, in der er lebt. Ich habe die Worte schon längst vergessen, bis ich vor einigen Tagen folgende Hand spielte:

Hero is BB with


Pre-flop: 1 folds, CO calls, 2 folds, Hero raises, CO calls.

Flop: (4,5 SB) (2 Players)
Hero bets, CO calls.

Turn: (3,25 BB) (2 Players)
Hero bets, CO calls.

River: (5,25 BB) (2 Players)
Hero checks, CO bets, Hero calls.

Results:
CO Showed

CO wins 7,25 SB.

Der Gegner hat seine Hand am River in einen Bluff verwandelt und ich schaute beim SD ziemlich blöd, als ich mitansehen musste, wie sein Bluff meinen Bluffcatcher schlägt und der Pot in seine Richtung wanderte. 'Hätte ich bloß gebluffbettet!' habe ich mir dann gesagt. Doch bevor ich mich am River für c/c entschied, dachte ich lange nach. Sollte ich wirklich bluffbetten? Ich hatte nicht viele Reads/Stats vom Gegner, ich schätze ihn jedoch nicht so ein, dass er am River eine bessere Hand nach seinem Turncall wirklich folden könnte. Natürlich hätte er Ahigh am Turn mit Flushdraw nur auf seine Outs callen können, aber ich ging davon aus, dass ich bei einem Openlimper kaum Foldequity gegen bessere Hände habe, immerhin hatte ich Qhigh. Die Bet fiel damit schonmal weg.
Die beiden anderen Alternativen, die ich in einer solchen Situation in Erwägung ziehe, waren c/f und c/c. c/f wäre eine Option, jedoch hat der Gegner Preflop nur gelimped. Pocket Pairs wie 88, die er nun valuebettet, fallen damit weg. Außerdem hat er am Turn nicht geraised. Eine 7 und besser ist damit ebenfalls kaum in der Range vertreten, der K sowieso nicht. Ich spiele also manchmal gegen schlechte Pairs, die er nun gegen Ahigh valuebettet. Aber zusätzlich hätte er am Flop so viele Overcards callen können, die am Turn zum Flushdraw improved sind und die ich am River noch schlage. Ebenso sind viele Straightdraws busted, gegen die ich ebenfalls vorne bin. c/f erschien mir damit zu weak und ich habe mich für c/c entschieden.
Seine Bluffbet mit QT war sehr unerwartet und ebenso schlecht. Schließlich schlägt er noch viele Hände aus meiner Range und bessere Hände werde ich nicht folden. Hier Ahigh zu c/f wäre gegen die meisten Gegner zu weak, da man noch häufig vorne ist. Aber wahrscheinlich wusste der Gegner das nicht und hat einfach gebettet, weil ich zu ihm gechecked habe.

Ich konnte die Hand nicht so schnell vergessen. Der Gegner hat nicht nur meinen Bluffcatcher geschlagen, er hat nicht nur den ganzen Pot gewonnen, den er verloren hätte, wenn ich einfach nur gebettet hätte, er hat sogar noch 1 Big Bet zusätzlich von mir bekommen. Mich regt es nur selten auf, wenn ich ausgedrawt werde, keine Ruhe lässt es mir jedoch, wenn ich eine Hand misplaye. Und gerade hier wurde ich den Gedanken nicht los, dass ich die Hand hätte irgendwie anders spielen können und sollen. Aber wie? Ich kann doch nicht betten, dafür ist meine Hand zu stark. Und c/f wäre zu weak. Vielleicht c/c, aber dann 'valuebettet' er mit QT gegen mich, was mir Kopfschmerzen bereitet. Im Gedanken sprang ich von einer Möglichkeit zur anderen, ohne dass mich irgendeine Line überzeugen konnte.


Und dann, ganz plötzlich, fiel es mir ein: check/raise River! Es war auf einmal so klar, so offensichtlich. Warum bin ich nicht schon früher drauf gekommen? Es ist die perfekte Line, die Hand schreit geradezu nach einem River c/r!
Vorteile gegenüber der Bet:

  • Wir haben Foldequity gegen marginale Madehands, die noch eine knappe Valuebet machen, sich auf den c/r jedoch beat sehen. Dazu gehören kleine Pairs wie A4.
  • Wir verlieren weniger gegen marginale Madehands, die nicht betten werden, aber auf eine Bet gecalled hätten. Dazu gehören kleine Pairs und Ahigh wie A8.
  • Wir bekommen gegen die vielen busted Draws eine zusätzliche Bet wie JT, 98 usw. zum Beispiel mit einem 1 Card Flushdraw.
Vorteile gegenüber dem c/c:
  • Wir werden nicht mehr von kleinen Pairs dünn gevaluebettet, bzw. bringen diese zum Folden.
  • Busted Draws mit mehr SD-Value, wie QT, können nicht sinnlos gegen uns 'valuebetten'.

Natürlich lässt sich diese sehr spezielle Line nur mit entsprechenden Annahmen spielen. Der Gegner sollte in der Lage sein auf einen c/r zu folden. Das heißt, dass er mit kleinen Pairs dünn gegen Ahigh valuebetten kann, aber sich auf den c/r beat sieht. Wenn das nicht gegeben ist, dann ist c/c wieder besser. Es sei denn, er ist so passiv, dass er zu selten bluffbettet, dann können wir c/f. Wenn der Gegner zu den weaken Spielern gehört, die Ahigh am Turn auf ihr SD-Value 'for information' callen, sich aber auf die Riverbet geschlagen sehen, dann können wir auch bluffbetten. Je nach Annahme und Read kann jede Line ihren Sinn ergeben.

Eine kleine Zusammenfassung wann der Bluff c/r am River mit Initiative sinnvoll sein kann und welche Aspekte man beachten sollte:
  1. Unsere Hand ist zu stark zum Bluffbetten. Der Gegner wird keine besseren Hände folden. Ansonsten wäre es eine Katastrophe, wenn wir unseren 5high Draw checken und der Gegner seinen 7high Draw behind checkt und den Pot gewinnt. Wenn der Gegner ohnehin immer bettet, wenn man zu ihm checkt, kann dieser Punkt zum Teil vernachlässigt werden.
  2. b/c for Bluffinduce wollen wir ebenfalls nicht spielen, da wir den Gegner nicht als aggressiv genug einschätzen.
  3. c/c ist meist ebenfalls eine spielbare Line, wenn er busted Draws, gegen die wir vorne sind, bluffbetten kann. Wir müssen somit keine Bluffprevention betreiben.
  4. Durch seine passive Flop und Turnaction ist eine starke Madehand auszuschließen. Der Gegner wird häufig einen busted Draw haben (Punkt 3) oder eine marginale Madehand.
  5. Er muss die Line b/f mit Madehands kennen. Er sieht unseren Check als Bluffinduce c/c mit Ahigh an, gegen den er valuebetten möchte. Den c/r sieht er als so stark an, dass er diese Hände foldet, da er unsere Range nicht als ausreichend polarisiert ansieht.
  6. Man sollte in den Händen davor nicht bereits mit einem Bluff c/r und sehr aggressivem Spiel aufgefallen sein.
  7. Das Balancing gegen gute Gegner sollte ebenfalls nicht ignoriert werden. Wenn er mit busted Draws bluffbettet und kleine Pairs (zumindest am Anfang) b/c, so ist der c/r mit starken Händen wie TopPair ebenfalls sehr gut. Hier darf man aber nicht übertrieben, gegen die meisten Gegner ist die Valuebet fast immer zu bevorzugen (bzw. b/3bet mit sehr starken Händen), da die meisten Gegner in den meisten Situationen eine deutlich größere Calling- als Bettingrange haben.
  8. Man soll sich ebenfalls der Folge bewusst werden, dass man häufiger einen FreeSD bekommt. Wenn man einen Bluffcatcher hat und in mehr als 1/Potsize Fällen einen Bluff inducen möchte, so will man den FreeSD zwar gar nicht. Dennoch sind wir häufiger in einer knappen Situation, wenn der Gegner nach unserem Check mit Ini zu uns bettet. Wir können uns selten sicher sein, ob wir mit unseren marginalen Händen wie Khigh einen guten c/c oder c/f haben. Dadurch kann es durchaus vorteilhaft sein, wenn wir ooP am Turn 'for FreeSD' betten können und vor knappen +/- 0 EV (oder gar - EV) Situationen am River bewahrt werden.
Im Allgemeinen denke ich, dass sich ein durchschnittlicher, etwas weaker, $1/$2 bzw. $2/$4 TAG sehr gut für dieses Spiel eignet, da er nach seinem Turncall hauptsächlich schwache Hände in seiner Range hat und gelernt hat dünne Valuebets zu machen, aber nicht den Mut hat 2 Big Bets für den Showdown zu bezahlen. Bevor man sich dazu entschließt diese Line zu spielen, muss man sich mit den Voraussetzungen sehr gut vertraut gemacht haben. Wenn man die Line fasch anwendet sind absolut bis zu 2 Big Bets verloren, die man sich mit einem einfach c/f hätte sparen können. Wenn man jedoch gelernt hat die Spots für den c/r zu erkennen und die Line richtig anzuwenden, so kann man damit seinen EV deutlich steigern. Schließlich gewinnt man mit dem c/r einen ganzen ca. 8 Big Bet Pot, der dem Gegner sowohl mit der Bet, als auch manchmal mit dem c/c gehört hätte. Ich bin froh über diese Line 'gestolpert' zu sein und ich werde versuchen diese in passenden Momenten in mein Spiel einzubauen.

Das heutige Bild zeigt eigentlich nichts besonderes. Keine gewaltige Landschaft, kein übergroßes Panorama. Trotzdem mag ich das Foto sehr gerne. Es zeigt Gozo genau so wie es ist. Keine super modernen Häuser, nichts Ausgefallenes oder störend Modernes. Einfach nur ein beackerter Boden, ein schlichter Weg, eine grüne Wiese und ein paar Steinhäuser mitten in der Landschaft, so wie sie zufällig hineinpassen. Hier lebt der Mensch noch im Einklang mit der Natur. In vielen Prospekten und Internetseiten über Gozo kann man den Satz lesen: 'Gozo – Ein Ort an dem die Zeit stehen geblieben ist.' Auf dem Foto sieht man sehr deutlich, was damit gemeint ist.

7 Kommentare:

  1. Wow! :)
    Interessanter Gedankengang, der sogar Sinn macht!
    Ich hoffe du kannst nun die Matrix nach deinem Belieben Verbiegen und Formen... ;)

    Schönes Bild! :)

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  2. Natürlich ergibt er Sinn, will hier ja kein Quatsch erzählen ;-) Freut mich, dass er Dir gefällt. Ich bin mir sicher, wenn man viele Spots ein bisschen genauer hinterfragt, stößt man sicherlich auf noch mehr interessante, theoretische Konzepte. Aber meist denkt man über die Spots erst nach, wenn man von einem Fisch ungewollt 'geowned' wird, wie bei der Hand oben.

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  3. Finde nen c/c besser, da ich mir nicht vorstellen kann, dass das ne vbet war.. Nonpair-Hands vbettet er nicht wenn er Q^ blufft blufft er auch alles drunter.. Somit ist der c/c deutlich besser wenn wir der Meinung sind, dass wir nicht aufgeben wollen.

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  4. Ich halte c/c ebenfalls für eine spielbare Line (wie bei Punkt 3 beschrieben). c/c hat einen höheren Erwartungswert als Bet bzw. c/f. Das heißt, dass wir mindestens einen Break-Even c/c haben. Der c/r kostet uns im Vergleich zum c/c 1 Big Bet mehr. Diese investieren wir in einem 8,25 Big Bet Pot. Wenn der Gegner zusätzlich zu seinen schlechteren Händen noch in 12%
    – Qhigh sinnlos bettet und auf einen c/r foldet,
    – Ahigh sinnlos bettet und auf einen c/r foldet,
    – kleine Pairs wie A4, A3, Q6 sinnlos oder sinnvoll (je nachdem, mit welcher Motvation er bettet, meist wird es sicherlich sinnvoll sein) und auf einen c/r foldet,
    dann ist der Bluff c/r besser als der c/c. Sind die 12% an besseren Händen, die auf einen c/r folden, nicht gegeben, so ist c/c besser.
    Ich persönlich denke, dass die 12% locker gegeben sind. Aber sicherlich sind auch andere Annahmen durchaus denkbar.

    Die Non-Pair Hände, gegen die wir vorne sind, werden bei der Analyse des c/r nicht berücksichtigt. Wir müssen erst feststellen ob der c/c profitabel ist, um unser relatives Investment für den c/r festzustellen (es ist nur 1 Big Bet und nicht 2). Danach betrachten wir nur die besseren Hände, die auf einen c/r folden. Selbst wenn die besseren Hände nur 5% seiner Betting-Range ausmachen, so lange er 12% dieser 5% folden kann ist der c/r gut.

    Die Rechnung(en) lauten:
    c/r ist gegenüber dem c/c vorzuziehen, wenn
    (relatives Mehrinvestment gegenüber dem c/c / Pot nach unserem Bluff) > (Bessere Hände, die er auf einen c/r foldet / Bessere Hände, die er bettet).
    Das entspricht 12%.

    Sollte der c/c nicht profitabel sein, so wäre die alternative Line der c/f. Nun würde das relative Investment vom c/r 2 Big Bets betragen und erst dann müssten wir die gesamte Range des Gegners betrachten und seine Non-Pair Bluffhände werden berücksichtigt werden:
    c/r ist gegenüber dem c/f vorzuziehen, wenn
    (absolutes Gesamtinvestment für den c/r / Potgröße nach unserem c/r) > (Alle Hände, die der Gegner b/f / Alle Hände, die der Gegner bettet)


    Ich danke Dir, und natürlich auch Gregor, für Euer Feedback!

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  5. Alles richtig, Probleme habe ich _hiermit_:

    "... Danach betrachten wir nur die besseren Hände, die auf einen c/r folden. Selbst wenn die besseren Hände nur 5% seiner Betting-Range ausmachen, so lange er 12% dieser 5% folden kann ist der c/r gut. ..."

    Das ist glaub ich nicht korrekt. Es geht darum, ob er in 12 % der Fälle eine bessere Hand hat, die er foldet... Nicht im Verhältnis von "Villian b/f eine bessere Hand" zu "Villian bettet und hat eine bessere Hand" sondern von "Villian b/f eine bessere Hand" zu "Villian bettet", da wir durch 12 % FE unser Investment zurück gewinnen müssen, damit es en BE-Punkt erreicht... Oder?

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  6. Ah.. Unten schreibst es auch nomma..

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  7. Da wir gerade über einen ähnlichen Spot gesprochen haben, komme ich nochmal auf diese Diskussion zurück. Ich muss hier meinen WG Kollegen unterstützen. In dieser Hand haben wir bereits festgestellt, dass der c/c profitabel ist. Damit gehen wohl alle konform. Mit dieser Festellung sind somit alle schlechteren Hände des Gegners abgedeckt. Nun geht es in der Betrachtung des Bluffs darum, wieviel/welche besseren Hände der Gegner bettet und wie groß der Anteil dieser Hände ist, die er auf einen c/r foldet.
    Da wir in jedem Fall 1 Big Bet investieren wollen, muss zur Betrachtung des Bluffs nur das Zusatzinvestment herangezogen werden. Somit lautet die Formel nicht 2/Gesamtpotsize verglichen mit Villain b/f / Villain bets, sondern 1/Gesamtpotsize verglichen mit Villain b/f eine bessere Hand / Villain bettet eine bessere Hand. Es liegt in der Natur des Bluffes, sich auf die besseren Hände des Gegners zu konzentrieren. Der Anteil an schlechteren Händen in der Range des Gegners ist dafür nicht relevant. Schlechtere Hände werden erst im Fall der Bluffprevention interessant, das heißt, wenn wir nicht callen können.

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